Saisonbeginn 2012/2013

Nach einer langen Sommerpause, wie man sie sonst nur von kommerziellen Pralinen kennt, war es am Sonntag endlich soweit: Saisonbeginn! Der erste Mannschaftskampf war für uns auch gleich noch ein Heimspiel, so dass unsere beiden Mannschaften zusammen spielen konnten.

 Als ich den Spielsaal betrat, hatte Dieter schon alle Bretter aufgebaut, die Sonne schien wie bestellt durch die Fenster und die Vorfreude kribbelte mir unter der Haut, während die Mannschaftskapitäne den Papierkram erledigten und uns Spieler an die jeweiligen Bretter sortierten. Nachdem die Bretter dann endlich frei gegeben waren, wurde es ruhiger im Saal und jeder konzentrierte seine Gedanken auf die 64 Felder vor sich.

Mein eigener Gegner, nominell stärker als ich und noch sehr jung, tat mir den Gefallen und überlegte lange an seinen Spielzügen. Diese Geduld fehlt mir leider immer noch, aber so hat mich seine Bedenkzeit quasi dazu gezwungen, länger über die bestehende Stellung nachzudenken. Und sie hat mir Zeit gelassen den Blick schweifen zu lassen. Dabei fiel mir auf, dass die Ruhe trügerisch ist: die anderen Spieler verrieten auf die eine oder andere Weise fast alle ihre Nervosität und ich war doch nicht die Einziege, die so aufgeregt war, dass mir die Finger zitterten. Es scharrten Füße ungeduldig unter den Stühlen, Stuhlbeine wurden schabend über das Parkett geschoben, Knie zitterten und Augen huschten über die Bretter. Eine angespannte Stille lag im Raum und endlich beginne auch ich zu verstehen, dass Schach definitiv vieles mit Sport gemeinsam hat.

Die Positionen der Spielfiguren auf dem Brett haben sich verändert, sind aggressiver geworden, und ich hatte den Eindruck, dass sich damit auch mein Herzschlag verändert hat. Mit geübten Fingern fasste ich unauffällig an mein rechtes Handgelenk und spürte, dass sich mein Pulsschlag tatsächlich deutlich beschleunigt hatte. Nun würde ich meinen Gegner am liebsten schütteln und ihm zurufen „nun zieh doch!“. Ich hatte Ideen und Pläne und gleichzeitig Angst, etwas übersehen zu haben und ich konnte es nicht erwarten, endlich meine Züge zu machen. Außerdem bedauerte ich mittlerweile, dass es am Vorabend ziemlich spät geworden war, aber daran ließ sich nun auch nichts mehr ändern (und ob die gefassten Vorsätze bis zum nächsten Mannschaftskampf halten, wage selbst ich zu bezweifeln). Den anderen Spielern um mich rum schien es aber ähnlich zu gehen, Bewegungen wurden fahriger und der Spieler, der sich da zu den Toiletten aufmachte, war doch gerade erst, oder?

Mir fiel auf, dass meine Mannschaft aus acht Spielern den acht Gegnern gegenüber saß, genauso wie die erste Mannschaft am anderen Raumende. Je zwei Achterreihen auf jeder Seite – wie auf einem Schachbrett. Neugierig verglich ich, ob die jeweiligen Spieler denn auch Ähnlichkeiten mit den entsprechenden Figuren haben… ich bin froh, dass mein Gegner nun doch endlich seinen Zug gemacht hat, wer weiß, was mir sonst noch alles eingefallen wäre?

Schlussendlich hatte sich herausgestellt, dass doch nicht alle Pläne und Ideen so umsetzbar gewesen waren, völlig nutzlos waren sie aber auch nicht – mein Gegner und ich einigten uns auf ein Remis. Und dabei wirkte er genauso erleichtert, wie ich mich fühlte. Leider hat es nur bei unserer ersten Mannschaft für den Mannschaftssieg gereicht, aber die Saison bietet ja noch genug Möglichkeiten!

Katrin Hanka